surreal
Stell dir vor, du bist in einer Wüste - nein du hast weder Durst noch ist dir heiss, darum gehts hier nicht! - jedenfalls bist da ganz alleine, um dich nur Sand, dein Blick trifft sich am Horizont nur mit Sand und Himmel!
In dir spürst du eine riesige Wut, eine Wut mit der du die Erde sprengen könntest. Jeder Baum jedes Holzscheit, ja sogar jeden Stein würdest du zerstören, wenn es sein müsste mit deinem Atem.
Doch da ist Nichts, kein Baum, kein Holzscheit, nicht mal ein kleiner Kieselstein. Dein Atem wirbelt höchstens eine Staubwoke auf an der du glaubst ersticken zu müssen.
Deine Arme schlagen ins Leere, deine Tritte werden federnd vom Sand empfangen, deine Schreie verhallen im staubigen Himmel. Du wirfst dich auf den Boden. Da! du spürst einen Schmerz in deinen Beinen, dein Gesicht am Boden, Sand knirscht zwischen deinen Zähnen. Du spuckst voller Wut in aus und wünschst mit krächzendem Geheule die ganze Welt zur Hölle. Doch sie geht nicht. Tränen der Wut und der Verzweiflung vermischen sich mit den Sandkörnern zwischen deinen Zähnen. Du wünschtest es wäre Gift das dich von deinem Elend erlösen würde, doch niemand erhört deine Gebete. Du bist nur noch ein erbärmliches kraftloses Bündel nacktes Fleisch das sich zuckend und schluchzend im Sand wälzt. Nach Tagen des Wahnsinns fällst du in einen dunklen unruhigen Schlaf.
Es ist Nacht. Die Strassen, nass von Regen, reflektieren Lichter von Strassenlaternen.
Das Tram ist voll. Wir sind zu dritt unterwegs. Einer meiner Begleiter, er hat dunkles Haar, hat auf einer Art Sessel mit ungewöhnlich hohen Armlehnen Platz gefunden. Er bietet mir an, mich auf seinen Schoss zu setzen, was ich dankbar annehme. Ich geniesse die körperliche Nähe.
Plötzlich wird mir bewusst, dass ich gar kein Billet gelöst habe und schlagartig verdrängt eine penetrante Unbehaglichkeit das Wohlsein.
Ich verlasse das Tram an der nächsten Station um das Versäumte nachzuholen.
Die Station mit ihren überdachten Traminseln wirkt, spärlich beleuchtet, wie eine Oase im Schwarz der Nacht. Ich gehe auf dem rechten Trottoir einer leicht abschüssigen Strasse auf die Oase zu, die ein Stück die Strasse runter, auf der linken Seite, liegt. Die Gegend ist fast gänzlich verlassen.
Einige Meter weiter unten kauert R. hinter einem Busch. Er lauert jemandem auf. Ich weiss: Er will denjenigen erschiessen und ich muss ihn daran hindern.
R. steht in der Mitte der Strasse, in einer Hand eine Knarre, die Arme entspannt herunterhängend. Er schaut mich an.
Meine Hände halten entschlossen eine Waffe. Sie ist auf ihn gerichtet. Ich muss ihn daran hindern einen Menschen zu erschiessen. Wir beide wissen das. Er schaut mich unverwandt an.
Ich ziele auf die Beine, hoffe, dass ich treffe (schliesslich habe ich noch nie geschossen) und drücke ab.
In seinem Knie klafft ein schwarzes Loch, kugelrund. Sekundenbruchteile später strömt Blut aus der Wunde wie Wasser aus einem Gartenschlauch.
Das wollte ich nicht. Ich wollte ihn nicht verletzen.
Jetz renne ich zu ihm und drücke meine Hände fest auf die Wunde um das Blut zu stillen.
Meine Hände lassen los. Sie haben seine Hand gedrückt. Er blickt mich an und sagt in einem beruhigenden Tonfall, fast als würde er mit einem Kind reden: "Es war nur ein Streifschuss."
Mein Blick fixiert seine Hand, die rosa Fleischwunde. Es ist kein Blut zu sehen.
Nur ein Streifschuss!
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